• Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die Hoffnung stirbt zuletzt

21.09.2020 Albert Leiser

Kürzlich musste ich wieder einmal über den Pfauen fahren und sah die mächtige Fassade des neuen Kunsthauses plötzlich in einem neuen Licht – gewissermassen als Zeichen der Hoffnung, dass es in Zürich allen Widrigkeiten zum Trotz immer wieder möglich ist, Grosses zu bauen.

Daran zu glauben, fällt einem zurzeit ja eher schwer. Die grosse Mehrheit der Zürcher wird sich selber kaum als Museumsgänger bezeichnen. Dennoch nahm dieses Projekt, das die Stadt 88 Millionen kostete und ihr jährliche Betriebs- und Unterhaltskosten in der Höhe von 17,6 Millionen Franken bringt, die Abstimmungshürde vor acht Jahren mit Bravour. Zwei Jahre vorher hatten sie bereits Ja gesagt zu einem Beitrag von 10 Millionen an den Erweiterungsbau des Landesmuseums.

Was hat sich seither so verändert, dass heute höchst ungewiss ist, ob die Stadt endlich zum neuen Fussballstadion kommt? Fussball ist doch sicher mindestens so populär wie Kunst. An der Architektur liegt es kaum, da beide erwähnten Erweiterungsbauten sicher nicht dem breiten Geschmack entsprechen. An den Kosten auch nicht, würde das Stadion doch durch die Wohnbauten finanziert. Ich denke, die Stadt macht dieselbe Entwicklung mit wie der Rest der Welt: Zunehmend zählen nur die eigenen Interessen. Zu ihrer Durchsetzung sind alle Mittel recht. Kompromiss wird mehr und mehr zum Fremdwort. Toleranz ist nur bei den anderen gefragt. 

Insofern überrascht der Stellenwert, den die Stadionsbrache nun einnimmt nicht. Besonders krass scheint mir, dass diesem Egoismus neuerdings auf Kosten des Wohnungsbaus geht. Nach der Idee: Ich habe ja jetzt eine Wohnung, sollen die anderen schauen, wie sie zu einer kommen. Dabei nehmen die Schwierigkeiten, mit denen Wohnbauprojekte zu kämpfen haben, ohnehin stetig zu. Nur ein Beispiel: Lärmschutz. Dessentwegen ist der Bau von hunderten Wohnungen an der Bederstrasse (im Bürgli, 124 Wohnungen), Winterthurerstrasse (Baugenossenschaft Oberstrass, 134 Wohnungen) und im Brunaupark (500 Wohnungen) gerichtlich blockiert 

Zürich hat sich in über 2000 Jahren Geschichte oft verändert und vieles überlebt. Es werden wieder Zeiten kommen, in denen grosszügige Projekte bessere Chancen haben. Das neue Kunsthaus ist der beste Beweis dafür.